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Flüchtlinge im pfarrhaus

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Über viele Umwege und nach acht Tagen Flucht aus Charkiw, der Millionenstadt ganz im Osten der Ukraine, sind Lilia Kuznietsova und ihre 12jährige Tochter Vasilisa bei uns im Pfarrhaus Burlafingen gelandet. Wie es dazu kam, erzählt sie hier selber. Ich habe ihre Gedanken aus dem Englischen übersetzt: 

„Meine Tochter, mein Mann und ich lebten in Charkiw in der Ostukraine. Natürlich wussten wir um die Konflikte in unserem Land und die Kriegsgefahr. Aber wir lebten weiter, glaubten an eine bessere Zukunft und machten Pläne. Wir hatten eine große Familie in Charkow, meine zwei Brüder und meine Schwester mit ihren Familien.

Am 24. Februar wachten wir alle von Bombenlärm auf. Einige meiner Freunde verließen sofort die Stadt. Wir hingegen haben uns entschieden zu bleiben. Wir wollten glauben, dass die Bedrohung nicht so groß war und dass sie bald vorbei sein würde. Wir verbrachten eine Woche bei einem Verwandten. Sie haben ein solides, einstöckiges Haus. Es schien sicherer im Vergleich zu unserer Wohnung im 13. Stock in einem offenen Raum. Wir haben viel geredet, die Nachrichten geschaut und uns Hoffnungen gemacht.

Als am 1. März Granaten auf den zentralen Platz meiner Stadt einschlugen, hörte ich auf, an das Beste zu glauben, und wir begannen, unsere Flucht vorzubereiten. Am 2. März verließen meine Tochter und ich mit der Familie meines Bruders und seines Freundes Charkiv. Mein Mann und seine Mutter beschlossen zu bleiben. Wir waren fünf Erwachsene, zwei Teenager und zwei Kleinkinder in einem großen Van. Als Gruppe wählten wir die sichersten Straßen, fanden Tankstellen und passierten Checkpoints. Unsere Kinder waren an das Militär gewöhnt, an Kontrollen und daran, dass ein Mann mit einem Maschinengewehr nicht beängstigend war. Wir wurden von Leuten aufgenommen, die uns Betten und Essen gaben. In vier Tagen erreichten wir die Grenze zu Moldawien und meine Tochter und ich konnten sie überqueren. Mein Bruder ging mit seiner Familie in die Westukraine, um dort vorerst zu leben und zu arbeiten. Unterwegs erhielten wir Nachrichten von Freunden und Bekannten, die fragten, ob alles in Ordnung sei und Hilfe anboten.

Eine der Nachrichten war von der „Klassenkameradin“ meiner Mutter im Englischunterricht in den Vereinigten Staaten. Sie schrieb, dass sie sich große Sorgen um uns mache und ihre Freundin Elena in Ulm wohne und uns aufnehmen könne. Sie habe Erfahrung in der Flüchtlingshilfe und könne helfen. Ich rief Elena an und sie sagte zuversichtlich: „Kommt her und alles wird gut.“ Bei all dem Wahnsinn klangen diese Worte sehr optimistisch. Wir hatten nicht die Energie, lange zu überlegen; wir entschieden uns zu vertrauen.

Als nächstes stand eine Reise durch Moldawien, Rumänien und Polen an. Menschen haben uns geholfen, viele nette Menschen. Sie gaben uns Mitfahrgelegenheiten, gaben uns die Möglichkeit, über Nacht zu schlafen, wuschen unsere Wäsche, gaben uns zu Essen und leckeren Tee und Kaffee. Am 10. März kamen wir in Ulm bei Elena an. Sie sagte uns, dass sie und ihre Tochter während unserer Reise überlegt hatten, wo wir bleiben könnten. Eine Freundin ihrer Tochter war bereit, uns bei sich zu Hause aufzunehmen. Und diese Freundin war Katja Baumann, Pfarrerin in Burlafingen und Pfuhl.“

Seit über zwei Monaten leben wir also schon zusammen mit den beiden im Burlafinger Pfarrhaus. Am Anfang war viel Bürokratie zu erledigen. Die Tochter konnte bald zur Schule gehen, die Mutter hat nach vier Wochen eine Arbeitsstelle gefunden. Gemeinsam verfolgen wir hin und wieder die Nachrichten und wollen es nicht glauben, was in Lilias Heimatland geschieht. Wir haben inzwischen viel über die Ukraine gelernt und freuen uns über die Überraschungen aus der ukrainischen Küche. Wir genießen miteinander Borschtsch und ukrainisches Osterbrot. Solange die beiden Schutz brauchen, können sie im Pfarrhaus wohnen bleiben. Doch inständig hoffen und beten wir auf ein baldiges Ende des Krieges!

Pfarrerin Katja Baumann

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