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Gedanken zur Jahreslosung 2021

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

LK 6,36

Mit einer klaren und deutlichen Aufforderung kommt uns das Jahr 2021 in der Jahreslosung entgegen. Es geht nicht um mich und Gott wie 2020 (Ich glaube. Hilf meinem Unglauben.), sondern um uns und unser Verhalten dem Nächsten gegenüber. Barmherzigkeit ist gefragt. Handeln. Keine Ausreden. Klarer Auftrag: Nachfolge. So wie Jesus das Leid der Menschen nicht egal war und es ihn zu denen trieb, die alle anderen mieden, sind wir aufgefordert, anderen zu helfen, verantwortlich zu leben, ehrlich und tolerant zu sein, Frieden zu stiften und zu teilen. Misericordia ist eine der Haupttugenden in allen Religionen. Alle wissen Bescheid, was von ihnen erwartet wird. Barmherzig sein!

Und dann schau ich mich um in unserer Welt, wo Egoismus und Selbstoptimierung regieren, wo die Starken die Schwachen schamlos ausnehmen und alles daransetzen, dass sich daran nichts ändert. Wie soll das gehen? Dieses Bibelwort überfordert mich schon, bevor das Jahr anfängt.

Gut, dass das Wort Jesu aus Lukas 6 nach dem Komma noch weitergeht: Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzigkeit ist (nicht nur in der christlichen Tradition) keine natürliche Eigenschaft des Menschen, die es abzurufen gilt, sondern eine Eigenschaft Gottes. Er ist der Barmherzige und Gnädige. Er wendet sich mir zu. Unverdient, großzügig und in bedingungsloser Liebe. Ich darf mich von ihm füllen lassen wie eine Schale und mein Handeln wird dann zur Konsequenz dieser erfahrenen Barmherzigkeit. Martin Luther hat dieses Bild vom Überfließen in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) entwickelt: Im Abschnitt 27 beschreibt er die guten Taten eines Christenmenschen als eine Art „Überfluss“, der von Gott gespeist, durch uns bei den Mitmenschen ankommt. Dieses Bild vom überlaufenden Brunnen gefällt mir. Und es nimmt mir die Last. Es geht nicht um Geben bis zur Selbstaufgabe. Um bedingungslose Nächstenliebe, die mich leer macht und aussaugt, weil an allen Ecken und Enden Menschen und Handlungsfelder darauf warten, dass ich aktiv werde. Auch Jesus zog sich immer wieder in die Wüste zurück, bevor er zu den Menschen ging, um ihnen etwas zu geben. Er lässt sich füllen und gibt aus der Fülle weiter. Ich darf eine Schale sein. Erst füllen, dann überströmen.

Im Kloster Maulbronn steht in einer Seitennische ein berühmter Brunnen. Drei Schalen sind übereinander angeordnet, die kleinste oben. Und aus der untersten großen Schale strömt das Wasser. Schale sein! Ich muss nichts geben, was nicht auch mir geschenkt ist. Keine Überforderung. Ich kann darauf vertrauen, dass seine Nähe und Liebe mich verändern und mich zu einem barmherzigen Menschen machen. Und ich kann ihn darum bitten, meine Schale zu füllen, bis sie überfließt zu denen hin, die meine Zuwendung und Hilfe brauchen.

Bettina Huster

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