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Karfreitag, 10. April 2020

Kreuzigung

Predigtgedanken zu 2. Korinther 5, 19-21

Kreuzigung Jesu, Apsis St. Ulrichskirche Pfuhl

Votum für den Karfreitag:
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,

auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.” (Johannes 3, 16)

Liebe Gemeinde!

Karfreitag – Jesus stirbt am Kreuz. Es wird dunkel, die Erde bebt, so berichtet die Bibel, es wird gefährlich. Und das so zu beschreiben, erscheint mir folgerichtig. Denn nun hält das Leben den Atem an. Und bis heute frage ich mich, wie es wohl gewesen sein muss, unterm Kreuz zu stehen.
Unterm Kreuz, was für ein bedrängender Gedanke! So stirbt der Menschensohn, so stirbt Gott: am Kreuz. Bei uns gab‘s so etwas nicht, nicht im Ort, nicht in der Familie. Da starben die Leute durch Unfälle, auf den Straßen, aber auch bei der Arbeit auf den Höfen, auf den Feldern. Mancher Menschensohn ist im Krieg geblieben. Der Urgroßvater ist mit dem Fuhrwerk auf eine Mine geraten. So starben, so sterben Menschen bei uns, wenn sie gewaltsam sterben – aber nicht am Kreuz. Dass ein Mensch umgebracht wird, auch noch für das Volk: undenkbar! Das Kreuz ist völlig aus der Zeit gefallen in einem Land, das die Todesstrafe abgeschafft hat. Das Kreuz ist eine Herausforderung, vielleicht nicht so sehr das Jahr über, aber heute, an Karfreitag, wenn man es einfach nicht übersehen kann. Das macht es so unheimlich. Und immer wieder fragen Leute, alte wie junge: Kann das nicht weg, das Kreuz? In den Kirchen? Die Krippe wäre doch viel freundlicher. Sie feiert das Leben. Dann wäre Kirche sympathischer.
Ja, Karfreitag ist nicht sympathisch. Aber: Kann das Kreuz weg? Diese Frage verbindet uns mit den ersten Christen. Nun ist das Kreuz Jesu nicht das einzige Kreuz, das jemals in den Himmel ragte. Bilder aus der Verfilmung von „Quo Vadis“ tauchen auf. Die ersten Christen würden sich gefreut haben, wenn das Kreuz, die vielen Kreuze wegkämen. Zu viele Menschen werden zu ihren Lebzeiten auf solche Weise getötet. Die ersten Christen kennen Jesus ja nicht persönlich. Aber Kreuze gibt es noch, an denen Menschen sterben, noch 300 Jahre lang. Die Christinnen und Christen sehen sich vor die Frage gestellt, warum sie angesichts der vielen Kreuze ausgerechnet an diesen einen Gekreuzigten denken und an sein Leiden erinnern. Es muss schwer für sie sein, im Kreuz etwas anderes zu sehen als Schande und ungerechte Verurteilung, verbunden mit Furcht und Schauder. In ihre Grabstellen und Gottesdienstorte und auf ihre Schultafeln malen unsere ersten Glaubensgeschwister sich etwas anderes, keine Krippe, aber einen Hirten. Oder einen Fisch. Oder die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, für Anfang und Ende. Aber kein Kreuz
Zu sehr ist die römische Todesstrafe realer Alltag. So sieht auch der Apostel Paulus viele dieser Kreuze, die in den Himmel ragen. Und er kennt, wie wir heute, die Auseinandersetzung um den gekreuzigten Gott, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit. Vielleicht ist Paulus aber auch einer der Ersten, weltweit bis heute, die sagen: Sieh das Kreuz mal anders. Nämlich so:

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu
und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns;
so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht,
auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

2. Korinther 5, 19-21

Merkwürdig – da fehlt das Wort „Kreuz“. Sonst ist Paulus damit schnell zur Hand; hier kann er das mit dem Kreuz anders sehen, ohne das Wort zu benutzen. Er erinnert an das, was in Jerusalem geschah. Er selbst war ebenso wenig dabei wie wir, er kann erinnern, ohne die schrecklichen Details des Todes Jesu zu erwähnen. Das Kreuz ist hier kein Schandmal, es steht für einen Sinn, den Paulus darin sieht. An vielen anderen Stellen in seinen Briefen spricht Paulus davon, wie das Kreuz aufgerichtet ist und wie es die weisen Menschen von den törichten Menschen dieser Welt unterscheidet. Hier aber fehlt das Wort, etwas anderes ist aufgerichtet. Das Wort „Kreuz“ kann offenbar weg, aber der Sinn muss bleiben: Versöhnung sagt Paulus stattdessen. Dieses Wort ist aufgerichtet unter uns, es heißt: Lass dich versöhnen mit Gott.

Versöhnungskreuz auf der Kuppel der Dresdener Frauenkirche

Versöhnung, ein kleines Wort, aufgerichtet unter uns, ein kleiner Satz, der ganz leicht klingt und, ja, auch sympathisch klingt: Lass dich versöhnen mit Gott. Ich frage mich, ob dieses Versöhnungswort überhaupt stark genug ist. Wird es die Kraft haben, zu siegen in meiner Welt? Das Wort von der Versöhnung muss ja antreten gegen andere mächtige Worte, die hier unter uns aufgerichtet sind und die Macht anziehen …
Aufgerichtet unter uns ist die Gleichgültigkeit, die Dumpfheit im Internet, im Miteinander, im Leben. Ich erfahre, dass Menschenwürde und Menschlichkeit kraftlos geworden sind. Aufgerichtet unter uns ist das Wort Untergang, die Angst, die so mancher hat, in der Welt, vor der Welt. Ich erfahre, wie komplex sie ist, und dass man darin droht zu versagen und unterzugehen mit ihr. Aufgerichtet unter uns ist die traurige Vision, dass sich nichts halten lässt, dass alles ganz nichtig und wertlos wird. Selbst das, was bisher alles zusammengehalten hat. Die Kirche, wie wir sie kennen, das Gemeinwesen, wie wir es kennen. Aufgerichtet unter uns ist die Gier nach Geld, die totale Ökonomisierung unseres Gesundheitswesens. Was sich nicht profitabel rechnet, ist nichts wert, bringt nichts. Aufgerichtet unter uns ist eine ewige Leerstelle, die der verborgene Gott hinterlässt. Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Gott stirbt sogar. Und wo er tot ist in uns, da bleibt eine leere Stelle, die sich nicht füllen will.
Mächtige Worte, unversöhnte Worte sind unter uns aufgerichtet. Unversöhnt sind Menschen untereinander und mit Gott. Das ist mindestens so unheimlich wie dieser Tag selbst. Denn ich bin mir nicht sicher, ob alle Menschen diese Worte überhaupt als mächtig und bedrohlich wahrnehmen. Die Bibel sagt: Lass dich versöhnen mit Gott
Ist dieses Wort stark genug? Dieses Wort vom Kreuz, nein, von der Versöhnung. Es ist eine Bitte, kein Befehl. Diese Bitte, wie übrigens jede Bitte, ist respektvoll, sie lässt dich gelten, da, wo du im Leben stehst. Die Bitte rechnet mit deinem Verständnis, will dich überzeugen, sie sucht dich da zu finden, wo du selbst bist: in der Tiefe. Gott wirbt um Dich.
Der ganze Karfreitag bittet dich: Lass dich versöhnen.

Predigtlied: Evangelisches Gesangbuch Nr. 85
O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

Weitere Lieder zum Karfreitag finden Sie hier.

Fürbittgebet
Ungewissheit und Angst erfüllen in diesen Tagen unsere Gedanken. Wir sind in Sorge.
Wir sorgen uns um unsere Lieben. Wir vertrauen sie deiner Fürsorge an. Behüte und bewahre sie.
Wir sorgen uns um das Zusammenleben in unserem Land. Wir schauen auf das, was kommen wird.
Wir sind hilflos. Der Corona-Virus bedroht die Schwachen. Wir vertrauen die Kranken deiner Fürsorge an.
Behüte und bewahre sie.
Wir bitten für die Sterbenden – behüte sie und erbarme dich.
Wir bitten für die Jungen – behüte sie und erbarme dich.
Wir danken dir für alle, die in Krankenhäusern und Laboren arbeiten.
Wir danken dir für alle, die Kranke pflegen, Eingeschlossene versorgen
und sich um das Wohl aller mühen. Behüte und leite sie.
Du bist unsere Hilfe und Stärke. Behüte uns, bewahre uns und erbarme dich. Amen.

Gott behüte Sie und schenke Ihnen allen eine gesegnete Zeit
Ihr Pfarrer Robert Pitschak

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